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Montag, 20. April 2015

Geisterhafte Villen

In der Koenigsallee und in der Winkler Straße in Berlin-Grunewald befinden sich einige der größten Villen der wilhelminischen Zeit. In den siebziger Jahren war ich zum ersten Mal hier. Damals machte die Gegend einen sehr wohlhabenden, aber friedlich-verschlafenen Eindruck. Die prunkvollen Häuser in gelben und sandgrauen Tönen wirkten wie Fossilien einer vergangenen Zeit.

Wer heute durch diese Straßen läuft, sieht überall die Auswirkungen frischen und sehr reichhaltigen Geldes. Beim Googeln wird hinterher schnell deutlich, dass viele Gebäude in den letzten zwei Jahrzehnten Spekulationsobjekte geworden sind und mehrfach den Besitzer gewechselt haben.

Heute wird von einer Berliner Villa erwartet, dass sie schneeweiß und makellos ist, egal ob neu oder alt. Dafür gibt es einige verblüffende Beispiele. Ich habe mich vor drei Jahren schon über die Verwandlung der Villa Schöningen in Potsdam aufgeregt. Und jetzt begegne ich hier einem Hausphantom, einer alten Riesenvilla, schrill weiß, inklusive Dach, weiße Dachpfannen, ich schwör’s! Ich stolpere geblendet und verwirrt über die Baumwurzeln, die sich durchs alte Berliner Pflaster drängen und stehe im nächsten Moment vor der Tafel, die an den Mordanschlag auf Walter Rathenau erinnert. Muss hier alles reingewaschen werden?

Aber dann das Gegenbeispiel! Genauso verblüffend, dass man es kaum glaubt. Ich stehe vor einer geisterhaften bürgerlichen Trutzburg. Finster, verfallen, leere Fensterhöhlen, ein riesiges Grundstück, das zum verwunschenen Dianasee hinunter reicht. Deutsche Neorenaissance mit Giebeln und Erkern. Sehr merkwürdig die Bahnhofsuhr über dem Eingang. Es ist zehn Uhr. Und weit und breit niemand, der das hier weißwaschen will mit seinem Geld?




Villa Noelle (Foto: piedschi)

Das ist die Villa Noelle, sehe ich hinterher auf meinem Ipad, 1901 erbaut von einem Industriebaron aus dem Ruhrgebiet, einem ehrenwerten Mann mit Frau, schlechtem Geschmack und fünf Kindern; (die allen Westdeutschen zu Genüge bekannte Elisabeth Noelle-Neumann war seine Enkelin). Ein Einfamilienhaus mit einer bunten Geschichte. In Regenbogenfarben sähe es ganz zeitgemäß aus. Vielleicht sollte Greenpeace es kaufen.

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