Cookie

Dienstag, 29. Juli 2014

Die deutsch-niederländische Grenze als Begegnungsraum


Beim Stöbern in alten Text-files stieß ich auf diesen  Vortrag, den ich vor mehr als 15 Jahren zum Thema der "Fremdsprachengrenzdidaktik" gehalten habe. Wenn ich das jetzt so lese, scheint es mir, als ob heute dieses Thema durch eine europäisch-globalisierte Grenzverwischung am Verdunsten ist. Allerdings nur das Thema, nicht die Problematik:

Die deutsch-niederländische Grenze als Begegnungsraum

Vorstellung des deutsch-niederländischen Grenzgebiets

Zu Beginn Ihrer Tagung zur Fremdsprachengrenzdidaktik im deutsch-niederländisch-belgischen Grenzraum möchte ich Ihnen einen Eindruck von der Charakteristik und Problematik dieses Raumes vermitteln. Das Begegnungspotential in dieser Region ist hoch und lässt für das 21. Jahrhundert eine sehr positive Entwicklung erwarten. Dies ist aber weniger eine Folge urwüchsiger guter Nach­bar­­­schaft, alter historischer Bindungen oder sogenannter Volks- und  Stammesverwandtschaft, als das Resul­tat poli­ti­scher und europapolitischer Bemühungen der letzten Jahr­zehnte und der neuesten west­lich-globalen Modernisierungsprozesse. Dagegen bilden zahlrei­che histori­sche, kul­tur- und menta­litätsgeschicht­liche Faktoren eher einen Widerstand für deuts­ch-niederländische Begegnungen. Eine ernstzunehmende Grenz­raumdidaktik wird auch diese Faktoren in ihre Kon­zepte einbe­ziehen müssen.

Wir haben die fünf Großräume - den Nordseeraum, Westfalen, Ostnie­derlande, das Rheinland und den limburgischen Süden - die im Laufe der Ge­schich­te auf unterschiedliche Weise geo­graphisch, politisch und kulturell verbunden und ge­trennt gewesen sind. Auf nie­derlän­discher Seite handelt es sich um die Grenzprovin­zen Groningen, Dren­the, Overijssel, Gelderland Noord-Brabant und Limburg, auf deutscher Seite um die beiden großen Bun­desländer Nieders­ach­sen und Nordrhein-Westfalen, schließlich in Belgien um das belgische Limburg, und, wenn man will, aber das ist für die Fremdsprachendidaktik weniger relevant, um den gesamten niederländischsprachigen flandri­schen Raum bis hin zur Küste.

Die deutsch-niederländische Grenze

Zum Weiterlesen hier klicken:

Von Norden nach Süden decken heute fünf Euregios und als sechste die Neue-Hanse-Interregio die deutsch-nie­derländisch-belgische Grenze nahezu nahtlos ab:


-              die Ems-Dollart-Regio (www.edr.org) wurde 1977 gegründet. Sie umfaßt Teile der Provinzen Groningen (NL), Drenthe (NL) und des Bundeslan­des Niedersachsen (D). In ihrem Einzugs­bereich wohnen 1,6 Millionen Einwohner. Die nie­derländi­sche Univer­sitätsstadt Groningen ist mit 170 000 Einwoh­nern die bei weitem größte Stadt in dieser Euregio.

                Besonderheiten im 80-Kilometerbereich: Zwi­schen der Rijksuniversi­teit Groningen und der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg (20 Kilometer außerhalb des Euregi­o-Raumes) gibt es vielfäl­tige Kontakte, u.a. Ansätze zur Zusam­menarbeit zwischen dem Niederländisch-Lehrstuhl in Olden­burg und den Lehrst­ühlen für Deutsch/Deutschland­studien in Gronin­gen.

-              Die Neue-Hanse-Interregio wurde 1991 gegründet. Als Reaktion auf die Strukturveränderung innerhalb der EU wollte man eine großräumigere Struktur schaffen als die bisherigen Euregios, um die politischen und wirtschaftli­chen Rahmenbedingungen mitgestalten zu können. Die Interregion umfaßt dann auch die niederländischen Provinzen Drenthe, Frie­sland, Groningen und Over­ijssel sowie die deutschen Bun­desländer Bremen und Niedersachsen. Zu den zwölf Arbeitsgruppen der NHI gehören auch zwei für Kul­tur und Bildung.

-              die Euregio (www.euregio.nl) wurde 1958 gegründet und ist damit die älteste grenzübergreifende Region in der EU. (Nachträg­lich erhielt auch sie eine Flussraumbezeichnung: Rhein-Ems-Ijssel). Sie umfaßt Teile der Provinzen Gelder­land, Over­ijssel und Drenthe (NL) sowie der Bundesländer Nie­ders­achsen und Nordrhein-Westfalen (D). Größere Städte auf nie­derländischer Seite sind Hengelo und Enschede, auf deut­scher Seite Nordhorn und Rheine. Eine Erweiterung um die Universitätsstädte Münst­er und Osnabrück wird vorbe­reitet (Euregio-Forum).

                Besonderheiten im 80-Kilometerbereich: Auf niederländi­scher Seite ist nur eine größere Stadt zu nennen: Zwolle. Die Universität Münster ist (neben der Universität Köln) ein traditionel­les Zentrum der deutschen Niederlan­distik. Mit dem Haus der Nie­derlande und dem Zentrum für Nieder­landestudien bildet Münster seit 1993 den Schwer­punkt der deutschen Nieder­lande-Forschung (www.uni-muenster.de/HausDerNiederlande und wwwhein.uni-muenster.de). ­Die Univer­sität Münster und die Univer­sität Nijmegen betreiben seit 1998 einen binationa­len Diplomstudiengang Deutschlandstu­dien-Nieder­landestu­dien mit Austausch von Dozenten und Studen­ten.

-              die Euregio Rhein-Waal (www.euregio.org) wurde 1986 gegründet und ist seit 1993 ein öffentlich-rechtlicher Zweckverband. Sie umfaßt Teile der Provinz Gelderland (NL) und des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. Größere Städte auf niederländischer Seite sind Arnhem und die Univer­sitätsstadt Nijmegen, auf deutscher Seite die Univer­sitätsstadt Duisburg. In Nijmegen wird dieses Jahr ein neueingerichtetes Ordinariat für Deutschlandstudien besetzt.

                Besonderheiten im 80-Kilometer-Bereich: Als größere Städte sind Amersfoort und die Universitätsstadt Utrecht zu nennen. Utrecht hat einen Lehrstuhl für Deutsch und für Sprachlehrforschung  mit dem angeschlossenen Expertisezentrum (www.let.ruu.nl/ research-institutes/ecd).

                Außerhalb des 80-Kilometer-Bereichs: Der Schwer­punkt der histo­risch-politischen Deuts­chlandforschung der Nieder­lande liegt im Deutschland-Institut Amsterdam (DIA; www.xxLink.nl/dia). In Amsterdam und in Rotterdam befinden sich auch die Goethe-Institute.

-              die Euregio Rhein-Maas-Nord (www.euregio.krefeld.schu­len.net) wurde 1978 gegründet und umfaßt Teile der Pro­vinz Limburg und des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. Keine größeren Städte auf niederländischer Seite (Venlo), auf deutscher Seite Krefeld, Mönchenglad­bach und Neuss.

                Besonderheiten im 80-Kilometer-Bereich: Größere Städte sind Eindhoven und die Universitätsstadt Tilburg.

-              die Euregio Maas-Rhein (www.euregio-mr.org) wurde 1976 gegründet und ist mit 3,6 Millionen Einwohner die bevöl­kerungsreichste Euregio im Benelux-Gebiet. Sie umfaßt Teile der Provinzen Limburg (NL), Limburg (B), Luik (B), die deutschsprachige Gemeinschaft in Belgien und die Region Aachen im Bundesland Nordrhein-Westfalen. Größere Städte auf niederländischer Seite sind die Univer­sitätsstadt Maastricht (mit einer neueingerichteten Teilzeit­professur "Deutsche Kultur"), auf belgischer Seite die Univer­sitäts­stadt Luik/Lie­ge (Lüttich) und auf deutscher Seite in unmit­telbarer Grenznähe die Uni­ver­sitätsstadt Aachen. Insge­samt befinden sich im Ein­zugsbe­reich dieser Euregio 6 Universitäten bzw. Hoch­schulen mit insgesamt über 100.000 Studenten.

                Ein einmaliges Phänomen ist die Stadt Eurode, die direkt auf der deutsch-
                nie­derländischen Grenze liegt. Die Län­der­grenze verläuft seit 1815 (Wiener Kongress) mitten auf der Hauptver­kehrss­traße. Euro­de entstand 1991 durch den binationalen kommunal­politischen Zusammenschluß der Städte Kerkrade (NL) und Herzogenrath (D).

                Besonderheiten im 80-Kilometer-Bereich: Größere Städte sind auf belgischer Seite Antwerpen und die europäische Hauptstadt Brüssel, auf deut­scher Seite alle großen Städte des Ruhrgebiets, die Universitätsstadt Köln (ein altes Zen­trum der deut­schen Niederlandistik), die nord­rhein-west­fälische Landes­haupt­stadt Düssel­dorf und die ehemalige Bundes-hauptstadt Bonn: die dich­teste Hoch­schul­landschaft Europas.

-              Als sechste Euregio entlang der Grenze wird augenblick­lich ein Verbund der 24 niederländischen, deutschen und dänischen Nordsee-inseln geplant.

Die Euregios sind Zweckverbände, die die regionale Zusammenar­beit zwischen den Kommunen und einer Reihe von meist wirt­schaftlich orientierten Körperschaften fördern. Im ideellen Sinne wären die Euregios ideale Partner für Projek­te der Grenz­landdidaktik. Schließlich wurden sie für grenzüb­erschrei­tende Aktivitäten im Sinne der europäischen Vereini­gung in­stalliert. Andererseits muß man sich klarmachen, daß die Euregios mühsam erarbeitete Zusammenschlüsse von hauptsächlich wirtschaftlich orientierten Partnern mit teilweise unter­schiedlichen Interessen darstel­len.(1)

Auch ist es so, daß die Euregios untereinander in einem Kon­kur­renzverhältnis stehen bzw. eine eher indifferente Haltung einnehmen. An der Namensgebung der Euregios erkennen Sie bereits ein Problem: um zu einer möglichst neutralen Bezeichnung für die Regionen zu kommen, hat man sich an Flüssen und Gewässern der jeweiligen Region orientiert: Ems-Dollart, Maas-Rhein usw. Politisch-histori­sche Raumna­men können diese Neutra­lität nicht bieten, und damit sind wir bei der Geschichte, bei der Kultur, bei den Mentalitäten und Iden­titäten, kurz bei allem, was aufgrund von Macht, Interessen und schlichter Anders­heit Grenzen definiert und damit ein Potential für Fremdheit, Un­verständnis, Tren­nendes und sogar Feindschaft entstehen läßt. Wie ist es hiermit im deutsch-niederländischen Grenzraum beschaffen?

Historische Anmerkungen
Die deutsch-niederländische Grenze ist relativ alt und stabil und das, obwohl die geographischen Gegebenheiten nicht unbe­dingt darauf zu weisen scheinen: kein Fluß und schon gar kein Gebirge markiert hier eine Grenzlinie zwischen Ost und West. Die vielen quer zur Grenze verlaufenden Flüsse sind im Gegen­teil als wichtige interregiona­le Verbin­dungswege zu sehen.

Die politische Trennung der Nieder­lande vom Deutschen Reich wurde mit dem Westfälischen Frieden von 1648 endgültig. De facto bestand die Republik der Verei­nigten Niederlande bereits seit der Union von Utrecht 1579. Der heutige Verlauf der Grenze wurde 1815 auf dem Wiener Kongreß festge­stellt und hat seitdem nur unwe­sentliche Veränd­erungen erfah­ren. Nennens-
­wer­ten Streit über den Verlauf der Grenze hat es eigentlich nur im Bereich der Emsmündung über die Frage gegeben, ob die Grenze am westli­chen Dollartufer verläuft wie es die Deutschen gerne hätten oder in der Mitte des Gewässers, was den Nie­derländern recht wäre.
Die gesellschaftliche und mentalitätsmäßige Trennung, die sich in dieser Grenze ausdrückt, ist jedoch groß. Ein nie­derländischer Historiker hat einmal behauptet: "Die Ostgrenze [der Niederlande, P. G.] ist [...] bereits seit 1100 Jahren eine Scheide­linie zwischen Ost und West. Sie ist des­halb eine der ältesten Grenzen Europas." (2) Und auch wenn dies im Lichte neuerer Forschungen etwas übertrieben erscheint, galt bis ins 20. Jahrhundert hinein das ge­sellschaftsgeschichtliche Urteil des großen niederländischen Historikers Johan Huizinga: "Über Delfzijl und Vaals läuft die Grenze zwischen West- und Mittel­europa. In unserer Westlich­keit liegt unsere Kraft und der Grund unserer Existenz. Wir gehören an die atlantische Kante [...]. Unsere Gesellschaft ist die der westlichen Völker und vor allem jenes großen Volkes, das die moderne Staatsord­nung schuf und noch in Frei­heit handhabt." (3) Diese 1934 geschrie­benen Sätze hat Huizinga auf Vorträgen in Deutschland ein­dringlich wiederholt. Sie waren präventiv zur Erklärung und zum Schutze niederländischer Identität gegenüber germanisch-völkischen Umarmungsversuchen gemeint.

Die deutsch-niederländische Grenze ist jahrhundertelang die friedlichste aller Grenzen gewesen. Währ­end Belgien im Ersten Weltkrieg zum Durch­marschgebiet der deutschen Truppen wurde, blieb die niederländische Neutralität gewahrt. Um so brutaler wurde der deutsche Überfall und die anschließende Besetzung der Niederlande 1940-45 empfunden. Die von den Nationalsozia­listen blutig oktroyierte Ideologie der Blutsverwandtschaft war eine perfide Vergewaltigung der niederländischen Iden­tität. Das Trauma dieser Vergewaltigung übertrug sich auf die nachfolgen­den Generationen, wurde vor allem in den siebziger und achtziger Jahren wachgehalten und ist bis heute wirksam.

Huizingas Betonung des Trennenden ist vor dem Hintergrund der 1934 drohenden historischen Entwicklung zu sehen. Im wesentli­chen sah er die Niederlande in einer Mittlerstellung zwischen englischer, französischer und deutscher Kultur und somit im Zentrum einer kulturgeschichtlichen europäischen Dynamik. Wir können dies in einem ganz ähnlichen Sinne verstehen wie Thomas Manns Äußerungen in seinen Betrachtungen eines Unpolitischen von 1919, wo er sagt, daß "in Deutschlands Seele die geis­tigen Ge­gensätze Europas ausgetragen werden". Schön doch eigentlich, wenn die zwei Großmandarine der niederländischen und deutschen Natio­nalkultur sich hierin so nahe sind. Aber die Verständi­gung hat Grenzen, und kehren wir zu diesen zurück. Zwei natio­nalistische Jahrhunderte, das 19. und das 20., haben durch die Konstruktion zentraler nationaler Identitäten viele regionale Gemeinsamkeiten, so weit sie denn bestanden, behin­dert, abge­baut und vergessen lassen. Nicht zufällig betonen die Titel der maßgeblichen Darstellungen zur deutsch-niederländischen Beziehungsgeschichte bei aller Nachbarschaft die Unterschied­lichkeit und das Trennende beider Länder: Zwei ungleiche Nachbarn (Horst Lademacher), Das unbekannte Hol­land (Ernest Zahn), West-Duitsland: Partner uit noodzaak (Friso Wielen­ga) und Nachbarn zwischen Nähe und Distanz (Jürgen Heß/Hanna Schissler), Duitsland als Nederlands probleem (Frits Boterman).(4)
Gehen wir einmal unter dieser Perspek­tive die fünf Groß­räume von Norden nach Süden ab:

Das Küstengebiet weist auf deutscher und niederländischer Seite eine Reihe von Gemeinsamkeiten auf: das fruchtbare Marschland ist Bauernland. Die See bietet Nahrung und Handels­wege, das Binnenland muß durch Deiche geschützt werden. Hie­raus entsteht die vielbeschworene friesische Freiheit. Beid­erseits der Grenzen finden sich bis ins Westfälische hinunter große unzugängliche Moorgebiete, die die Verbindungen über Land lange stark behinderten. Die Graf­schaft Ostfrie­sland gehörte vom 15. Jahr­hundert bis 1744 zu den Niederlanden und fiel dann an Preußen. Auf alten Fried­höfen finden sich noch niederländische Grab­steine, und an den Gebäuden in den ostfriesi­schen Altstädten erkennt man un­schwer den niederländi­schen Einfluß. Dennoch gab es unter­schiedliche Orientierungen kon­fessioneller Art, die zu deutli­chen mentalen Binnengrenzen in der Region geführt haben, die noch heute zu spüren sind: der an den Nieder­landen orien­tierte calvinistisch-refor­mierte Osten und der an Hamburg orientierte lutherische Nor­den. Die Gemeinsam­keit der Friesen zeigt sich heute zwar in einem kulturpoliti­schen Verbund der drei Frie­slande (das niederländische West­frie­sland, das deutsche Ost- und Nordfriesland), ist aber unter dem Aspekt der Grenzraumdi­daktik nicht viel wert. Die Provinz Groningen liegt zwischen den Frieslanden und will mit ihnen nicht besonders zu tun haben. Das echte Friesisch wird zudem heute in Deutschland nur noch in winzigen Sprachinseln ge­sprochen. Das Ostfriesische dagegen ist ein nie­derdeutscher Dialekt, der mit dem ostgro­ninger Platt verwandt ist. Resümierend müssen wir mit der Feststel­lung eines jüngeren niederländischen Historikers einstimmen: "Es hat niemals - ich betone: niemals - so etwas gegeben wie einen gemeinsamen historischen Raum der EDR (=Ems-Dollart-Regio, P.G.)." (5)

Der emsländi­sche Süden der Region war ohnehin emsaufwärts auf das katholi­sche Fürstbistum Münster hin ausgerichtet. Rück­ständige Agrarwirtschaft und bescheidenes Heimgewerbe kenn­zeichneten diesen Raum. Jahr­hundertelang zogen von hier aus Wanderarbei­ter in die reichen Agrarprovinzen der Niederlande, um bei der Ernte zu helfen, oder ins städtische Zentrum der niederländi­schen Wirtschafts­macht, nach Amsterdam, um auf den Schiffen der ostindischen Kompagnie anzuheuern. "Moffen" und "Popen" wurden diese armen katholischen Wanderarbeiter dort ge­nannt. Sie prägten lange Zeit das nie­derländische Deutschen­bild. Seine häßlich-aggres­sive Ladung erhielt das heute noch verwen­dete Wort "Mof" erst in der Besatzungs­zeit 1940-45. Im 19. und 20. Jahrhundert blieb der gesamte Norden beider­seits der Grenze ein strukturschwaches Gebiet mit hoher Arbeitslo­sigkeit.

Die niederländischen Provinzen Overijssel und Gelderland dagegen waren stärker mit dem
niederrheinisch-westfälischen Gebiet verwachsen. Das Münsterland bildete zusammen mit den niederländischen Ostprovinzen eine "ökonomische Landschaft" (Häpke) die bis in den Kölner Raum reichte. Der deutsche Kulturraumforscher Franz Petri ging so weit, hier für den Zeitraum vom 15. - 17. Jahrhundert von einer die politischen Grenzen überschreitenden, einheitlichen "Geschichtslandschaft" zu sprechen (6). Bis in den reichen flan­drischen Raum reichte diese Verbundenheit. Auch der niederländische Histori­ker Jappe Alberts nannte den ganzen Bereich östlich der Ijssel "ein niederländisches Westfalen".

In jüngster Zeit stehen die Historiker beider Nationen eher skeptisch gegenüber einer solchen harmonisierenden und verein­heitlichenden Betrachtung des Geschichtsraums. Allerdings hat es in den Nachkriegsjahrzehnten auf beiden Seiten wenig Inte­resse für grenzübergreifende historische Untersuchungen gege­ben. Diese Perspektive wird erst in jüngster Zeit im Rahmen der europäischen Entwicklungen wiedereröffnet.

Im 19. Jahrhundert erfolgte aufgrund der auf die jewei­lige Nation ausgericht­eten Identitätsdiskurse eine Umo­rientie­rung, die die konfessionellen, sprachlichen und sogar die wirt­schaftlichen Verbundenheiten zu überlagern begann. Hatten die Einwohner des niederländi­schen Westens, der alten holländisch­en Städtekultur und heutigen "Randstad Holland", schon immer mit dem Blick aufs Meer und mit dem Rücken nach Deuts­chland geses­sen, so galt das nun auch immer mehr für die Bevöl­kerung der Grenz­p­rovin­zen. Gleichermaßen richteten die neup­reußischen Gebiete am Nie­derrhein ihren Blick immer mehr nach Osten, und schließ­lich ins Zentrum des neuen Kaiser­reichs, nach Berlin.

Mit dieser kurzen Charakteristik möchte ich den historischen Überblick beenden und auf die gegenwärtige Situation zu spre­chen kommen.

Heutige Perspektiven
Nordrhein-Westfalen ist mit fast 18 Millionen Einwohnern das größte Ballungsgebiet Europas. Es ist bevölkerungsreicher als die Niederlande (16 Millionen). Die Hälfte der Menschen wohnen in Großstädten mit mehr als 500 000 Einwohnern. Die Niederlan­de sind der größte Handelspartner Nordrhein-Westfa­lens. 40% der aus den Niederlanden nach Deutschland exportier­ten Waren gehen nach NRW, 30% Prozent des deutschen Exports in die Niederlan­de kommen aus NRW. NRW, insbesondere das Ruhrge­biet, ist in den letzten Jahrzehnten einer gewalti­gen Struk­tur­veränderung unterworfen gewesen, um das ehemals auf Bergbau und Schwerin­dus­trie ausgerichtete Land den Anfor­derungen der postindustriellen Gesellschaft anzupassen. Neue Industrien, Chemie, Maschinenbau, Elektrotechnik sind an die Spitze ge­rückt, und große Anstrengungen sind unternommen worden, um die Umweltbe­lastungen auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Die neue Strukturpolitik ist auf ein breites Spektrum regionaler Ver­net­zungen zwischen Gemeinden und Kreisen ausgerichtet. NRW war das erste Land, das einen Vertrag zur grenzüber­schreitenden Zusammenarbeit mit den Niederlanden vereinbart hat. Die INTERREG-Vereinbarung gilt als Muster für Europa.

In den neunziger Jahren gibt es im Rahmen interregionaler Neuorientie­rungen Versu­che, die "ökonomische Landschaft" im Nordwestrau­m neu zu definieren. Der nordrhein-west­fäli­sche Ministerpräsident Clement sprach im Zusammenhang der Verlegung der deutschen Hauptstadt von Bonn nach Berlin davon, daß er dieser Veröstli­chung der Bundesrepublik eine Verwestli­chung Nordrhein-Westfa­lens entgegensetzen möchte. "In wenigen Jahren werden Nordrhein-Westfalen und die BENELUX-Länder über die Grenzen hinweg einen kompakten Wirtschaftsraum bilden. In dieser Herausforderung liegt eine gewaltige Chance, die wir offensiv annehmen müssen. Dabei können wir von den nie­derländischen und belgischen Partnern mit ihrer traditionellen internationalen Orientierung viel lernen. [...] NRW ist heute der dichteste Markt in Europa. Zusammen mit den BENELUX-Lände­rn ist dies ein Wirtschaftsraum, der außerordentliche Markt­chancen eröffnet" (7)

Natürlich geht es hier um Märkte und um harte wirtschaft­liche Konkurrenz. Aber die daraus entstehende Vervielfältigung und Intensivierung der Kontakte schlägt sich auch wissenschafts- und bildungspoli­tisch nieder. Ein paar Beispiele: In den neunziger Jahren sind mehr als ein Dutzend gemeinsame deuts­ch-niederländische Studiengänge an partnerschaftlichen Univer­sitäten und Fachhoch­schulen eingerichtet worden. Im Mün­steraner "Zentrum für Niederlande­studien" wird über die Grün­dung eines Nordwest-Insti­tuts unter Beteiligung Deuts­chlands, Belgiens und der Nieder­lande nachge­dacht. Mit dem deutsch-niederländischen Korps ist ein Beispiel mi­litäri­scher Zusammenarbeit entstanden, das man sich vor einer Gene­ration noch nicht hätte vorstellen können. Unter anderem dadurch gibt es die ersten bilingualen Schulen in Nordrhein-Westfalen. Die Zahl der niederländischlernenden Schüler an nordrhein-westfälischen allgemeinbildenden Schulen hat sich in den letzten drei Jahren verdreifacht (von 2000 auf 6000).

Neue Verflechtungen und neue Märkte schaffen neue Mobilitäten, die aber auch ihre Schattenseiten haben. Viele Grenzgänger nutzen die unterschiedlichen Löhne und Preise zu ihrem Vor­teil, was dies- und jenseits der Grenzen nicht immer gerne gesehen wird. Noch unlängst berichtete ein Artikel in der "Zeit" (8) vom "Ärger im Dreiländereck". Wohnen im nie­derländischen Grenzbereich ist für viele Deutsche wegen der niedrigeren Mieten und Hauspreise attraktiv, führt aber zu Mißmut bei den niederländischen Eingesessenen.

Mentalitätsunterschiede spielen auch eine Rolle zwischen Niederländern und Belgiern. Aber seit einiger Zeit ist nichts mehr wie es war. So schicken neuerdings niederländische Eltern trotz ihrer freundlich-herablas­senden Geringschätzung der gleichsprachigen belgischen Flamen ih­re Kinder immer häufiger auf flämisc­he Schulen. Diese haben nämlich den Ruf, stren­ger zu sein und sich stärk­er an traditi­o­nellen Werten und Normen zu orien­tie­ren. Das erscheint mir wie Kultur verkehrt. Es muß ein um einen ganz neuen Trend in den li­bertären Nie­derlanden handeln. (9) Natürlich ist dies auch ein Symptom kultureller Verwerfungen in einem der modernsten Länder Europas.

Seit den neunziger Jahren wächst auch das Interesse der Eure­gios an der sozial-kulturellen Integration und an den Aufgaben im Kultur- und Bildungsbereich. Wir dürfen allerdings ihre Mögli­chkeiten hierzu nicht überschät­zen. Die Euregios sind perso­nell und finanziell keine starken Organisa­tionen. Bei der Konzeption und Durchführung von Bildungs- und Kultur­projekten sind sie auf Hilfe von außen und auf Projektmittel ange­wie­sen. Aber gerade hier könnte von Fall zu Fall eine Vernetzung mit Pro­jekten der Grenz­raumdidaktik sinnvoll sein.
Immerhin haben im Rahmen von INTERREG I (1991-1993) 60 Millio­nen DM für grenzüber-schreitende Industrieprojekte, grenzüber­schreitende Radwege und Kunstrouten zur Verfügung ge­standen. Und für jetzt die laufenden Projekte von INTERREG II (1995-2001) sind 42 Millionen DM veranschlagt.

Der kulturelle Faktor in den Euregios hat in den ersten Jahr­zehnten ihres Bestehens erstaunlich wenig Interesse gefunden. Hierzu gibt es nur wenig Untersuchungen. Erst 1996 widmet sich eine - leider etwas schmale  - Dis­sertation dieser Thematik. Sie trägt den bezeichnenden Titel Samenwer­king? Er zijn grenzen! (Zusammen­arbeit hat ihre Grenzen). (10) Jacoba van Beek kommt auf­grund ihrer Untersuchung zu Feststel­lungen, die an Deutlich­keit nichts zu wünschen übrig lassen: "Die Euregio ist nicht das geeignete Gremium, um der europäi­schen Vereini­gung Form zu geben" und "Der Einfluß von Kultur auf grenzüber­schre­itende Zusammenar­beitsprojekte wird von den Betroffenen und von Wissenschaft­lern stark unterschätzt". Die Euregio, die Jacoba van Beek sich als Grundlage für ihre Arbeit ausgesucht hat, ist gerade die Euregio Maas-Rhein, in der wir uns jetzt befin­den und die in meiner Kurzbeschreibung besonders attrak­tiv erschien.

Jacoba van Beeks These, daß der Einfluß von Kultur stark unterschätzt wird, will ich aus meiner Sicht etwas näher erläutern. Zur Deutlichkeit: der Kulturbegriff, der hier hantiert wird, ist der breite anthropologische Kulturbegriff. Politiker und Wissenschaftler, die sich professionell mit grenzüberschreitender Verständigung beschäftigen, neigen in öffentlichen Situationen zu diplomatischen und harmonisieren­den Feststellungen. Man will ja die eventuellen antideutschen Ressentiments nicht noch durch öffentliche Äußerungen verstär­ken. Möglicherweise wird Ihnen hier auf dieser Tagung Ähnli­ches begegnen: eine starke Betonung des Positiven und der Gemein­samkeiten, eine Vernachlässigung des Negativen und des Tren­nenden.

Nun werden Sie alle von der berühmt-berüchtigten Studie des Clingendael-Instituts zur Einstellung niederländischer Jugend­licher gegenüber Deuts­chland und den Deutschen gehört ha­ben. Diese methodisch fragw­ürdige Untersuchung aus dem Jahre 1993 (11) erweckt den Anschein einer unüberwindlichen und haßer­füll­ten Barriere zwischen Niederländern und Deutschen. Lassen Sie mich deutlich sein: diesen Haß und diese Barriere gibt es so nicht. Die Ebene der Vorurteile ist leicht durchbrechbar. Kein Deut­scher braucht sich deswegen zu fürchten oder zu schämen.

Was es dagegen sehr wohl gibt, das sind langgewachsene kultur­bedingte Unter­schiede und Deutungsmuster (12) in der politi­schen Kultur, die zu allerlei gegenseitigen Befremdungen Anlaß geben können. Zur Verdeutlichung der Fremdheit, die zwischen Deut­schen und Niederländern herrschen kann, zitiere ich einen deutschen Niederlandisten: "Ich habe zwölf Jahre, ein Drittel meines bisherigen Lebens, in Amsterdam gelebt. Das hat mir klargemacht, daß man alles, auch die kleinsten Details, auf eine andere Art betrachten kann. ­[...] Bis in die tiefsten Tiefen der mensch­li­chen Exis­tenz sind Deutsche und Niederländer verschie­den." (13)

Und auch wenn hier schon wieder ein Deutscher am Übertreiben und Verabsolutieren ist: etwas ist dran. Ein paar illustrie­rende Stichworte: Hierarchische Struk­turen und Klassenge­gensätze sind in den Niederlanden fla­cher, weniger sicht- und fühlbar als in Deutschland. Verhand­lungen werden kollegialer, weniger kon­frontativ geführt. Entschei­dungsfindung vollzieht sich in
ge­schickt gelenkten Gruppenpro­zessen. Dadurch bleibt Macht­ausübung und Klassenbewußtsein beinahe unsichtbar, ob­gleich beides - wie überall in der Welt - sehr manifest vor­handen ist. Mancher Niederländer ist davon überzeugt, in der idealen klassenlosen Ge­sellschaft, der besten der möglichen politischen Welten zu leben. Diese Überzeugung aktualisiert sich vor allem in Begegnun­gen mit Deutschen und mit den deut­schen Äquivalenten der hier angespro­chenen Struk­turen und Prozesse. Hier kommt es schnell zu Mißverständnissen und Befremdungen. Obwohl sich beide Ge­sellschaften unterm Strich im Maß von Libera­lität, Demo­krati­sie­rung und Sozialstaatlich­keit sehr gleichen, erscheint es im gegen­seiti­gen Fremdbild so, als ob die Deut­schen beson­ders auto­ritär und die Nieder­länder besonders tolerant seien.

Glauben Sie nicht, daß die vielbeschworene niederländische Toleranz ein Modell für die Begegnungsdidaktik liefern kann. Es ist eine Toleranz des Nebeneinander, nicht des Miteinander. Sie ist statisch und strukturell, nicht dynamisch und indivi­duell.

Empfehlungen für eine Grenzraumdidaktik
Thijs Wöltgens, der Bürgermeister von Kerkrade, hat einmal einen Artikel geschrieben mit dem ebenso richtigen wie fal­schen Titel "Langs de grens ligt de Europese identiteit voor het oprapen" ("Entlang der Grenze liegt die europäische Iden­tität. Man braucht sie nur aufzuhe­ben"). (14) Wöltgens stellt sich die Frage, ob es einen Weg zwi­schen engherzigem Nationa­lismus und einem heimatlosen Kosmopo­litis­mus gebe. Seine Antwort lautet: "Viel­leicht müssen wir unsere Zukunft in der gemeinsamen Vergangen­heit suchen. Wenn wir ein bißchen in unserer Geschichte gra­ben, erweist sich, daß jedes andere europäische Land einmal unser Freund gewesen ist. Niemand hat Erbfreunde und Erbfein­de, wenn wir das Römi­sche Reich als Ausgangspunkt nehmen." Vor diesen gutgemeinten Empfehlungen möchte ich jedoch warnen, desgleichen vor histo­rischen Kultur­raumsentimentalitäten und vor allen Reminiszen­zen an Alte Reiche sowieso. Beim Graben in der Geschichte kommen immer als erstes die Leichen zum Vor­schein. Jeder Niederländer denkt hierbei sofort an Krieg und Besat­zungszeit. 

Der Ausgangspunkt der Fremdsprachengrenzdidaktik sollte nicht die Vergangenheit sein, sondern unsere sich globalisierende Gegenwart. Die Durchdringung von globalen und lokalen Faktoren hat zu einer historisch gesehen völlig neuen Situtation in Europa geführt. Und der Grenzraum hier im deutsch-nie­derländisch-belgischen Maas-Rhein-Gebiet liegt in dieser Beziehung an der Spitze der europäischen Modernität (manche würden hier sagen: Postmodernität). Der Vorrat an translokalen Gemeinsamkeiten war noch nie so groß. Die nationalen Kulturen verflüssigen sich. Die Grenzen beginnen zu verschwimmen.

Es ist ja auch kein Zufall, daß Sie jetzt, in der zwei­ten Hälfte der neunzi­ger Jahre, mit einem großen europäi­schen Projekt zur grenzübergreifenden Fremd­spra­chendidak­tik beschäftigt sind. Sie sind damit ein Teil des Phänomens. Eine bunte Kultur­melange ist am Entstehen. Interregional kommt es zu völlig neuen Abgrenzungen und Gemeinsamkeiten. Die Bevöl­ker­ungen differenzieren sich in vielfältige ethnis­ch-kulturel­le Teili­den­titäten. In Belgien haben wir bereits seit längerem eine deutsche Sprach- und Kulturgemein­schaft mit unbe­stritten belgischer Identität. In den Nieder­landen sind in zweiter, dritter, vierter Genera­tion Diaspora-Identitäten javanischer, chinesischer, surinamesischer, türkischer und marokkani­scher Nie­derländer entstanden, die mit modernster Informati­ons- und Kommunikations-Technik mit den sprachlichen und kulturellen Wurzeln der Her­kunftsländer ihrer Eltern, Großel­tern, Ur­großeltern verbun­den sind. Und, es mag Sie vielleicht überra­schen, mehr als 400.000 Deutsche wohnen und arbeiten in den Niederlanden und bewegen sich relativ unauffällig gleichfalls in zwei Kulturen.

Die Begegnungsdidaktik muß, will sie diesem Prozeß gewachsen sein, eine Doppelstrategie verfolgen: Sie muß Trennendes reflektieren und Gemeinsamkeiten erle­ben lassen. Wenn Grenzen die Narben der Geschichte sind, so kann es weder darum gehen, die Verletzungen zu verdrängen, noch darum, die alten Wunden wieder aufzubrechen. Was wir dagegen brauchen, sind verglei­chende Untersuchungen zu den Identitätsgeschichten der eu­ropäischen
Nach­barvölker in den letzten zweihundert - den nationalistischen - Jahren. (15) Entsprechend wären interregi­onale Unter­suchungen zu den Diaspora-Gemeinschaften in den verschie­denen Ländern von großem Wert für die Begeg­nungsdidak­tik. Auf dieser Grundlage wird eine sensible und reflek­tierte Beschäf­tigung mit der wechselseiti­gen Begeg­nungs­ge­schichte ermöglich­t, die in vielfältige didak­tische Programme und Projekte münden kann.

Deutsch-niederländische Begegnungen mit wechselnden Begeg­nungssprachen (Deutsch, Niederländisch, Englisch, Französisch) zu jugendorientierten Globalisierungsphänomenen, unter Verwen­dung der neuen (und traditionellen) Informations- und Kommuni­kationstechniken ("The medium is the message"): Internetprojekte, E-mail-Projekte, gemeinsame websites, Onli­ne-Chats, Multi-User-Dialoge, Umwelt, Kunst, Theater, Film ("Star Wars"), Popmu­sik, Ausstel­lungs-projekte, Schulpartner­schaftszei­tungen und -videos. Auch gemischte Generationsbegegnungen von zwei, drei Generationen von Deutschen und Niederländern sind zur Demonstration erlebter Begegnungsgeschichte sehr zu empfehlen.

Weiterhin schlage ich die Einrichtung von Grenzraumportalen im WWW vor. Auf solch einer Internet-site könnten alle relevanten links für die Fremdsprachengrenzdidaktik in einer Region gesammelt werden.

Für die hier vorgeschlage­nen Unter­richtsfor­men und -inhalte brauchen wir Lehrer, die in beiden gegebenen Kulturen zuhau­se sind und den Perspektiven­wech­sel als grundle­gendes Prinzip des Fremdsprachenunterrichts internalisiert haben. "Damit ist für Leh­rer ein schwieriger Weg vorgezeich­net: wir alle sind lieber in einer Kultur zuhau­se, statt als Grenzgän­ger zwischen Kulturen zu vermit­teln. Poli­tisch waren Grenzgän­ger noch nie beliebt - und gerade die jetzigen Zeiten nationa­ler Abschottung erinnern daran, wie schwer es ist, zum Zusam­menleben mit anderen und Min­derheiten, zum Abbau von Ethno­­zentrismus zu erziehen" (16) Kr­umm 1993: 285).

Wie ein Ethnologe steht ein Fremdsprachenlehrer vor dem Pro­blem: Beteiligung oder Distanz? Ein Grenzgänger muß den Grenz­ver­lauf kennen wie kein anderer. Er weiß genau, wann er sie überschreitet: er hebt sie auf und er rekonstruiert sie. "Interkultureller Unter­richt kann nur Wirklich­keit werden, wenn die Lehrerinnen und Lehrer über ent­sprechende Ein­stellun­gen zur Mehrsprachigkeit und Interkultu­ralität verfügen" (17). Die Lösung also liegt im lehrhaften Wechselspiel und in Unterrichtsformen, die den fliegenden Wechsel spiele­risch ermögli­chen, ohne den Ernst der Situation aufzuheben. (18)

Das Leitlernziel der Fremdsprachengrenzdidaktik sollte die sprachliche und kulturelle Teilhabe an den wichtigsten Gruppenidentitäten im jeweiligen Grenzraum sein. Das Lernziel darf nicht flüchtiges Wissen sein, sondern muß nachhaltige und reflektierte Partizipation der Lernenden ermöglichen.


Anmerkungen
1) Ein Beispiel hierfür ist die Entstehungsgeschichte der Ems-Dollart-Region. Vgl. Gerd Steinwascher, Euregio und Ems-Dol­lart - Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg, in: Joachim Bläsing u.a. (Hrsg.), Die Niederlande und Deutschland. Nach­barn in Europa, Hannover 1992, S.194-207
2) Slicher van Bath, zitiert in: O.S. Knottnerus u.a. (Hrsg.), Rondom Eems en Dollart. Rund um Ems und Dol­lart. Historische Erkundungen im Grenzgebiet der Nord­niederlande und Nordwest­deutschlands, Groningen/Leer 1992, S. 22
3) Johan Huizinga, Nederlands Geestesmerk, 1934. (Übersetzung von mir, P.G.)
4) Horst Lademacher, Zwei ungleiche Nachbarn. Wege und Wand­lun­gen der deutsch-niederländischen Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert, Darmstadt 1990; Ernest Zahn, Das unbekannte Holland. Regenten, Rebellen und Reformatoren, Berlin 1984, 2. überarbeitete Auflage München 1993; Friso Wielenga, West-Duitsland: Partner uit noodzaak. Nederland en de Bondsrepu­bliek 1949-1955, Utrecht 1989; Jürgen Heß und Hanna Schissler (Hrsg.), Nachbarn zwischen Nähe und Distanz. Deutschland und die Niederlande, Frankfurt 1988; Frits Boterman, Duitsland als Nederlands probleem. De Nederlands-Duitse betrekkingen tussen openheid en eigenheid, Amsterdam 1999.
5) O.S. Knottnerus, Räume und Raumbeziehungen im Ems Dollart Gebiet, in: ders. u.a. (Hrsg.), a.a.O., S. 11-42, hier S. 16
6) Franz Petri, Deutschland und die Niederlande. Wege und Wand­lungen im Verhältnis zweier Nachbarvölker, in: F. Petri und W. Jappe Alberts, Gemeinsame Proble­me deutsch-niederländi­scher Landes- und Volksforschung, Gro­ningen 1962, S. 1-24, hier S. 11
7) Zitat Wolfgang Clement, Pressemitteilung NRW 624/9/98, www.nrw.d­e/­pm98/pl98-624.ht­m
8) Roland Kirbach, Ärger im Dreiländereck. Der europäische Alltag von Deutschen, Belgiern und Holländern, in: Die Zeit, Nr. 11, 11. März 1999)
9) Vgl. Dirk Wol­theker, Spijbe­len kan niet meer, NRC-Han­dels­blad, 22. Mai 1999
10) Jacoba van Beek, Samenwerking? Er zijn grenzen! Onderzoek naar de invloed v culturele factor op het proces van economi­sche en politiek-bestuurlijke integratie in de euregio Maas-Rijn, Diss. Rotterdam 1996
11) L. Jansen, Bekend en onbemind. Het beeld van Duitsland en Duitsers onder jongeren van vijftien tot negentien jaar, 's Gravenhage 1993 (deutsch: Bekannt und ungeliebt. Das Bild von Deutschland und Deutschen unter Jugendlichen von fünfzehn bis neunzehn Jahren, Düsseldorf/Münster 1994); Die Untersuchung wurde 1997 wiederholt: Henk Dekker, Rob Aspeslagh und Bastiaan Winkel, Burenver­driet. Attituden ten aanzien van de Europese Unie, 's Graven­hage 1997
12) Vgl. meine Untersuchung hierzu: Peter Groenewold, "Land in Sicht". Landeskunde als Dialog der Iden­titäten am Beispiel des deutsch-niederländi­schen Begegnungs­diskurses, Diss. Groningen 1997, 149-186
13) Bernd Müller, zitiert in: Peter Groenewold, Zerbrochene Spiegel. Gebroken Spiegels. Rekonstruktion des deutsch-nie­derländischen Begegnungsdiskurses, Groningen 1997, S. 305. (Übersetzung von mir, P.G.)
14) Theo Wöltgens, Langs de grens ligt de Europese identiteit voor het oprapen, in: NRC-Handelsblad
15) Ansätze hierzu finden sich in meiner Untersuchung: Peter Groenewold, Land in Sicht, S. 75-148
16) Hans-Jürgen Krumm,
17) a.a.O.,  S. 281
18) Vgl. zum Beispiel mein Lernspiel “Erfinde einen Deutschen”: Peter Groenewold, Landeskundliches Lernen mit Hilfe erfundener Figuren, in: Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen